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Wir haben uns lange über Vor- und Nachteile sowie Marktchancen der Rocker-Ski mit unseren Experten unterhalten. Im letzten Teil unserer Serie wollen wir einen Aspekt näher beleuchten, der vielleicht nicht auf den ersten Blick in den Vordergrund rückt. Wenn die neuen Rocker im Tiefschnee so gut sind - locken sie dann nicht auch viele unzureichend ausgebildete Skifahrer ins Backcountry? Wie sehen die Experten diese Risiken?

Ab in den Powder! Und dann?

Die Werbeslogans sind eindeutig: "Der Pistenski, der mühelos durch den Powder surft", behauptet Salomon vom BBR, sicher eines der Highlights auf dem Skimarkt in diesem Winter. Natürlich wirbt die Industrie mit den Vorteilen der neuen Sportgeräte - wieso sollte sie auch nicht? Aber: Fahren im Tiefschnee erfordert nicht nur die Fähigkeit, den Ski zu steuern. Es geht abseits der Piste auch um Risikokompetenz. Und die wächst nicht, indem man sich ein Paar Skier kauft.

Erwartung an die Industrie

Dr. Arne Göring, Schneesportfachleiter an der Uni Göttingen, erlebt das im eigenen Betrieb: "Ich sehe bei unseren Studierenden und in Kursen, dass die Tendenz stark zunimmt, sich einen unverspurten Tiefschneehang zu suchen. Und das hat etwas mit den neuen Ski zu tun: Wenn du damit im Tiefschnee fährst, das ist ein Traum. Die schwimmen auf, das ist wie Wasserski", erklärt er. "Aber solange das nicht einher geht mit einer hohen Risikomanagement-Kompetenz, erwarte ich viele Unfälle. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt - und ob die Industrie hier aufklären hilft in Bezug auf Lawinenrisiken."

Empirische Belege fehlen noch

Die Industrie macht sich tatsächlich Gedanken über diesen Sachverhalt. Noch gibt es keine Statistik, die höhere Unfallzahlen mit Rocker-Ski in Verbindung brächte. Aber allein die Dimensionen der Debatte um die Einführung einer Skihelm-Pflicht nach dem Unfall des ehemaligen Thüringer Ministerpräsidenten Dieter Althaus im Januar 2009 verdeutlicht, dass schon ein singuläres Ereignis oder ein Unfall eine massive Sicherheitsdebatte auslösen kann. Es könnte sich dann als wertvoll für Skihersteller erweisen, wenn sie im Bereich Sicherheitsaufklärung und Risikomanagement Kompetenzen vorweisen können. Siegfried Rumpfhuber beschreibt uns am Beispiel von Kästle, wie man das umsetzen und vorleben will: "Was wir im Hintergrund machen: Wir haben eine klare Guideline, dass unsere Athleten bei Shootings mit Sicherheitsausrüstung und Helm fahren müssen, damit es auch keine anderen Aufnahmen gibt. Außerdem bieten wir die Kästle Adventure Tours an, um den Leuten mehr als nur einen Ski zu verkaufen, nämlich das Skierlebnis. Bei dem Konzept wird man von Profis betreut, u.a. einem zertifizierten Guide, der auch Schulungskompetenz hat beim Risikomanagement."



LVS-Ausrüstung bringt trügerische Sicherheit

Das man den Produzenten nicht auflegen kann, jeden Käufer eines Freeride-Ski zu schulen, ist logisch. Die Verantwortung für sich selbst kann in den Bergen kein anderer übernehmen. Denjenigen, die schon vorher im Backcountry unterwegs waren, sind die Risiken in der Regel bewusst. "Um die Jungs, die sich schon länger mit dem Freeriden oder dem off-Piste Thema beschäftigen, um die mache ich mir keine Sorgen", sagt Christian Mayer von Elan. "Aber ich glaube, dass es sicher dazu führen wird, dass der eine oder andere bei Neuschnee eine Geländefahrt machen wird, die er vorher nicht gemacht hätte. Und da glaube ich fängt dann die Gefahr an - weil sich die meisten Leute nicht wirklich mit den Gefahren im alpinen oder hochalpinen Gelände befassen." Sein Tipp: "Auf alle Fälle sollte man sich den einen oder anderen Vortrag anhören oder sich aufklären lassen." Auch Stefan Stankalla von K2 sieht die Risiken: "Die im Tiefschnee für beinahe Jedermann zu fahrenden Ski sind nur ein kleiner Teil dieser Entwicklung. Leider tragen auch die immer besser werdenden Lawinenausrüstungen und deren Bekanntheit zu dieser Risikobereitschaft bei. Der glaube "Mir kann nichts passieren, ich hab ja ein super LVS-Gerät dabei" gepaart mit Unwissen führt zu dieser unangenehmen Entwicklung."

Niemand ist völlig sicher

Das auch Profis wie kürzlich Freeski-Legende Jamie Pierre vor einem Lawinenabgang nicht gefeit sind, sollte allen zu denken geben, die off-Piste unterwegs sein wollen. Sicherheitsausrüstung und das Wissen um ihre Anwendung sind das eine, die Beurteilung von Schneehängen und Wettersituationen das andere. Wer über beides nichts weiß, sollte sich unbedingt fortbilden, denn die größte Verantwortung trägt jeder Outdoorsportler für sich selbst: Er (oder sie) will nach der perfekten Linie im Tiefschnee sicher und gesund wieder die Heimreise antreten.

Fazit: Seid euch eures Risikos bewusst!

Es bleibt zu hoffen, dass auch die Ski-Hersteller künftig vermehrt Kompetenz vermitteln und damit zumindest ein Informationsangebot machen. Wie stark auch immer die Industrie in Zukunft aufklären wird: Ihr solltet, wollt ihr abseits der Pisten unterwegs sein, euer Risiko selbst einschätzen können. Dann könnt ihr auch ohne Einschränkungen das Gefühl genießen, eure Linie in den Tiefschnee zu ziehen. Zwei Linktipps haben wir für euch: Wir haben zahlreiche LVS- und Lawinenkurse von renommierten Anbietern in der kommenden Saison für euch zusammengetragen. Klickt hier für die Übersicht der Termine. Viele Informationen über Lawinen bekommt ihr in unserem Lawinen-Themenspecial. Und dann wünschen wir euch: Habt richtig Spaß im Schnee!