Wir haben in den ersten Teilen unseres Themenspecials zu Rocker-Ski deren Vor- und Nachteile beleuchtet. Wie wird sich dieser Skitypus also auf dem Markt behaupten können? Wie wird sich der Skimarkt entwickeln? Das besprechen wir mit unserem Expertenkreis.

Revolution? Evolution?

Als der Carving-Ski auf den Markt kam, hat er sich wie eine räuberische Spezies über die herkömmlichen Latten hergemacht und sie nach kurzer Zeit vollständig verdrängt. Leitbilder waren die Profis im Weltcup, die auf den auf einmal viel kürzeren Skiern spektakuläre Schwünge carvten. Die neue Ski-Technik wirkte sich auch auf den Lehrplan aus, schließlich soll wenigstens bei den verbandsseitigen Lehrplänen in Deutschland der Breitensport auf den Spitzensport zuarbeiten. Die besten Talente sollen erkannt, gefördert und nach oben durchgereicht werden. Auch deshalb waren Carver eine Revolution auf dem Markt. Und Rocker heute?

Eine Frage der Definition

Bereits in unserer Einleitung haben wir nach der Bedeutung von Rocker-Ski gefragt. "Rocker ist eines der wichtigsten Themen. Atomic wird in Zukunft 100% der Skimodelle mit Rocker ausstatten", befand Herbert Buchsteiner für Marktführer Atomic. Inzwischen haben wir gelernt, dass die Verwendung des Begriffs 'Rocker' nicht trennscharf ist - und daher auch die Experten nur scheinbar weit auseinanderliegen. Atomic spricht eben schon bei einem Slalom-Carver mit normaler Vorspannung aber leicht aufgebogener Spitze vom Rocker, für andere ist das erst der Fall, wenn die Kantenangriffslänge deutlich reduziert wird. Denn auch für Atomic sind Carving-Ski nicht vom Aussterben bedroht: "Rocker heißt nicht das Gegenteil von Carving", bestätigt Herbert Buchsteiner - und auch Christian Lutz von Fischer sagt klar: "Carving und Rocker schließen sich nicht aus!"

"Ich werde mir immer einen klassischen Vorspannungsski bauen!"

Produktentwickler Markus Steinke von Mountan Wave macht sich um die Carver auch keine Sorgen: "Ich glaube schon, dass die nicht wegsterben", orakelt er. "Ob sich der Rocker so entwickelt, dass man auf der Piste nur Vorteile hat und keine Einschränkungen - das glaube ich nicht. Man hat auch mal gesagt, dass die Schaumlatten die Holzski komplett ablösen werden. Es ist aber so, dass ein Holzski viel mehr Eigendynamik mit einbringt. Und so ist es auch bei dem Schwung, der auf der Piste gecarvt wird. Der Rebound von einer kompletten Vorspannung ist in meinen Augen nicht zu ersetzen." Für sich selber hat er im Zweifel ein Notfallszenario an der Hand: "Ich werde mir auf jeden Fall selber immer einen klassischen Vorspannungsski für die Piste bauen ..." Es scheint klar: Beide Ski-Arten können und werden parallel existieren. Ihre Extreme eignen sich aber in besonderem Maße für eine bestimmte Form des Skisports: Carver für sportliche Pistenfahrer, Full-Rocker für Tiefschnee.



Andere Bedingungen in Nordamerika

Steinke spricht die Entwicklung an. Welches Potenzial haben Rocker noch? Klar ist: Rocker, das ist keine Materialfrage. Die verbauten Werkstoffe unterscheiden sich nicht. So sehen die meisten Skibauer noch Entwicklungsmöglichkeiten in der Abstimmung der Latten. "Die Entwicklung geht ganz klar in den Bereich von High-Performance Ski, die auf harten und eisigen Pisten sehr sportlich gefahren werden können", verrät Stefan Stankalla von K2. Auch Atomic will sich in Zukunft "einer noch besseren Abstimmung der einzelnen Rockertypen" widmen. Man kann daraus lesen, dass die Industrie sich breit aufstellt, um zum einen gute Allround-Produkte und zum anderen hochspezialisierte Ski anbieten zu können.

Trend 1: Zweitskier für Special Interest

Der Skimarkt ist - verglichen mit anderen Sportarten wie z.B. dem Kajaksport oder das Surfen, noch recht starr. Das könnte sich mit den Rockermodellen ändern. Kästles Geschäftsführer Siegfried Rumpfhuber blickt nach vorn: "Wir sehen einen klaren Trend zum Zweitski. Neben dem Ski für den Durchschnittstag auf der Piste wird es den Ski für Spezialanwendungen geben. Der Verleih von Spezialprodukten wird unserer Meinung nach zunehmen. Es gibt eben auch nicht nur ein Fahrrad, mit dem ich alles machen kann - sondern es gibt Rennrad, Cross Country Bike und viele mehr." Zustimmung bekommt er von Dr. Arne Göring. Der Sportwissenschaftler kennt auch andere Outdoor-Märkte und sieht Parallelen hin zu einer Entwicklung von Produkten für Spezialisten: "Ich glaube, dass sich eine 'Zwei-Ski-Strategie' durchsetzen wird und auch die Verleiher davon profitieren werden", sagt er.
Trend 1 lässt sich so formulieren: Gute Skifahrer besitzen künftig ein Paar Carving-Ski für die Piste und vielleicht noch ein eigenes Paar für eine Spezialanwendung - seien es Tourenski, Park-Rocker, Powderbretter oder andere. Besitzen sie das zweite Paar nicht selbst, dann leihen sie ein aktuelles Modell.

Trend 2: Rocker-Adaption als Allround-Ski

Aber nicht alle Skifahrer haben ein hohes technisches Niveau und fahren im Winter mehrmals zum Skifahren in die Berge. Für den klassischen Urlauber, der einmal im Jahr für eine oder zwei Wochen in den Skiurlaub fährt, sehen die Experten einen Trend zu einem guten Allround-Ski, mit dem man noch gut auf der Piste carven und doch auch mal abseits powdern kann. Das sieht auch der unabhängige Experte Arne Göring von der Uni Göttingen so: "Auf der anderen Seite werden etwas sportlichere Skifahrer, die nicht gerade eine Saisonkarte haben, zu einem Zwischenmodell greifen. Und da sind super Produkte dabei." Er sagt aber auch: "Es ist ausgeschlossen, dass Rocker den Carving-Ski oder den taillierten vorgespannten Ski ablösen. Ich bin mir sicher, dass die Markt-Durchsetzung beim Rocker nicht so groß sein wird wie bei Carving Ski, weil der Einsatzbereich gewisse Einschränkungen aufweist. Es ist aber eine gute Marktbelebung."
Trend 2: Die neuen Rocker-Modelle lösen einen Kaufanreiz aus. Gute Allround-Rocker werden als Allzweckwaffe von einer breiten Schicht von Skifahrern gekauft.

Trend 3: Die regionalen Märkte ticken anders

Und noch eine Änderung lässt sich jetzt schon am Markt erkennen. Das Thema Rocker hat in Nordamerika einen noch größeren Stellenwert als in Europa - und das ist ein großer Markt. Christian Mayer von Elan sagt dazu: "In Amerika und Kanada sieht die Geschichte natürlich komplett anders aus, da die Skigebiete viel höher liegen, der Schnee und die Pistenpräparation anders sind und es natürlich weitaus nicht so viele gute Skifahrer gibt wie in Europa. Dort wird das Rocker-Thema immer größer sein als bei uns."
Trend 3: Der Rocker rockt die USA und Kanada stärker als die Europäer, die deutlich mehr am Idealbild der Weltcup-Asse orientiert sind. Die Marktdurchdringung in Nordamerika wird stärker sein als in Europa.

Trend 4: Rocker für Ski-Anfänger

Und noch einen Markttrend sehen wir. Skianfänger lernen mit einem Rocker leichter, sie profitieren von der leichten Schwungeinleitung und dem geringeren Verschneiden der Ski. "Ich glaube, dass vor allem Skier im Einsteiger- bis Mittelklasse-Segment zu 50 bis 70 Prozent mit dieser Technologie ausgestattet sein werden", so Christian Mayer. Und dieser Trend kann durchaus große Auswirkungen auf die Skikultur haben, nämlich auf die Art und Weise, wie Skifahren vermittelt wird. "Für Neueinsteiger wird es einen etwas anderen Lehrweg geben", beschreibt es Dr. Arne Göring. "Mit einem ganz weichen Ski musst du mehr über gerutschte Schwünge arbeiten. In der deutschen Philosophie ging bislang mehr über die Kante als Regulationsmechanismus. Das ist ein neuer Lehrweg, den die Schweizer schon seit Jahren gehen." Und was bedeutet das, wenn die Anfänger anfangen wollen, zu carven? "Wenn du dann von einem Rocker-Ski auf einen rennsportlichen Ski umsteigst, dann werden sich die Einsteiger ganz schön umgucken, das funktioniert eben dann nicht mehr", sagt der Experte schmunzelnd. "Da sind also Zwischenschritte nötig." Etwas weniger drastisch bewertet DSV-Experte Dr. Frank Reinboth den Umbruch: "Grundlegend werden sich aus meiner Sicht die Bewegungen nicht verändern. Der Rockerski verkürzt beim flachgestellten bzw. wenig aufgekanteten Ski die Kantlänge, was zu einer besseren Drehbarkeit und Toleranz gegenüber „technisch nicht so präzise durchgeführte Bewegungen“ aber auch zu einem gewissen „Gefühlsverlust“ bei der Kurveneinfahrt führt. Darauf muss sich der Skifahrer vor allem bei höherem Tempo auf planer, harter Piste einstellen. Eine Abhilfe ist hierbei, früher einen größeren Kantwinkel im Kurvenverlauf aufzubauen oder auch etwas längere Ski zu fahren. Das heißt: Insgesamt verändert der Rockerski die sogenannten Bewegungsspielräume, d.h. wann bewegen wir uns wohin und wie schnell und umfangreich."
Trend 4: Der Lehrweg von Skianfängern in Deutschland könnte sich verändern, um den Möglichkeiten des Rocker-Ski zu entsprechen. Ein mögliches Vorbild sind die Lehrpläne in der Schweiz. In jedem Fall werden sich die Bewegungsabläufe etwas verändern.

Fazit: Keine Revolution, aber ein starker Wandel

Der Rocker verändert die Ski-Welt - aber nicht so stark wie die Carver in den 90ern. Wer in drei Jahren mit einem Slalom-Carver von 2009 auf die Piste geht, wird nicht wirklich auffallen auf der Piste. Wir haben verschiedene Trends herausgestellt. Im kommenden und letzten Teil unserer Rocker-Serie werden wir noch auf einen anderen Aspekt des neuen Ski-Typus eingehen: Welche Risiken entstehen, wenn Skifahren im Tiefschnee leichter wird - oder zumindest als leicht wahrgenommen wird?

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