Skitourengehen ist mehr als nur ein Sport. Seit einigen Jahren und seit in den Alpen der Trend zu perfekt erschlossenen Ski-Arenen, weg vom Erleben der Natur und hin zur touristisch geprägten Urlaubsmassenabfertigung führt, entwickelt sich auch der Gegenpol rasant. Skitourengehen boomt und findet immer mehr Anhänger. Denn vielen ist das Skifahren in durchgeplanten Gebieten mit beheizten Sesselliften und musikalisch beschallten Gondeln zuviel – sie wollen raus in die Natur und abschalten. „Beim Skitourengehen kombiniert man das Naturerlebnis und die körperliche Anstrengung mit dem Spaß der Skiabfahrt“, erklärt Johann Rampl die Faszination Skitourengehen. Der Bundestrainer der Deutschen Nationalmannschaft im wenig bekannten Skitourenrennsport ist selbst begeisterter Skitourengeher und einer der Experten für unser ausführliches Skitouren-Special auf Skiinfo.de.

Alles rund um das Skitourengehen – von der Ausrüstung bis zu Tourentipps

In der ersten Folge unseres Themenkomplexes erfahrt ihr, welche Ausrüstung ihr auf Skitour niemals vergessen solltet. In den kommenden Ausgaben geht es dann nicht nur um die Grundlagen, Tourenplanung, Sicherheit und das richtige Training für Skitourensportler, sondern wir haben auch tolle Skitouren-Reportagen, konkrete Tourentipps und vieles mehr für euch. Jedoch starten wollen wir mit dem Material. Aber halt: Skitourengehen, was ist das eigentlich genau? „Skitourengehen kann man sich eigentlich vorstellen wie eine Bergtour im Winter, bei der man Ski mit Steigfellen zum Aufsteigen benutzt, um dann anschließend mit den Ski abfahren zu können“, erzählt Johann Rampl. Man bewegt sich auf einer Skitour im Normalfall abseits gesicherter Pisten, und zwar im Aufstieg wie im Abstieg. Der Ausrüstung und der Tourenvorbereitung kommt also - vor allem in Bezug auf sicherheitsrelevante Aspekte - eine enorme Wichtigkeit zu.

Pflichtausrüstung auf Skitour

Bevor ihr überhaupt daran denken könnt, eine Tour zu planen und diese dann auch in die Tat umzusetzen, müsst ihr nicht nur Erfahrung mit Lawinen und den Naturgefahren in den Bergen gesammelt (mehr dazu in der nächsten Folge unseres Themenspecials), sondern auch die richtige Ausrüstung beisammen haben. Und dabei sollte man keine Kompromisse machen – denn die Ausrüstung kann Leben retten.

Tourenski

Euer Leben retten wird der richtige Tourenski aller Voraussicht nach nicht, aber die Tour erleichtern, das kann er leisten. Tourenski sind geländetaugliche Ski, die im Normalfall breiter und weniger tailliert sind als Pistenski – allerdings nimmt die Taillierung in den letzten Jahren zu, da taillierte Ski sich besser kontrollieren lassen. Je nach Einsatzgebiet unterscheidet man zwischen eher aufstiegsorientierten Modellen und eher abfahrtsorientierten Modellen. Steigt man viel und lang auf und möchte dabei so kraftschonend wie möglich unterwegs sein, fällt die Wahl auf einen leichten Ski - bei dem man dann aber Abstriche in der Abfahrtsperformance hinnehmen muss. Ist man vielleicht nicht der beste Skifahrer, dafür aber stark und ausdauernd, sollte man eher zum etwas schwereren, stabilen und laufruhigeren Ski greifen. Natürlich müssen Tourenski auch wendig und im Powder sowie Bruchharsch gut zu fahren sein. Firmen wie Dynafit und Hagan bieten zudem ultraleichte Tourenski an, diese sind aber nur für Wettkämpfer interessant, bei denen es auf jedes Gramm ankommt. Einige interessante Tipps zum Kauf von Skitourenausrüstung bekommt ihr hier: http://4-seasons.tv/film/kaufberatung-tourenski

Tourenbindung

Bindungen für Tourenski sollten gute Geheigenschaften mit Komfort und Sicherheit auf der Abfahrt vereinen. Je nach Charakter des Tourengehers, ob er eher Freeride-orientiert ist oder sich auch ins extrem steile, alpine Gelände wagt, gibt es unterschiedliche Schwerpunkte, die bei einer Tourenbindung gesetzt werden. Fast alle Bindungen sind gleich aufgebaut: Es gibt einen Vorderbacken mit Auslöseflügeln, meist mit Rollen versehen, ein möglichst stabiles, leichtes und längenverstellbares Trittgestell, sowie einem Hinterbacken mit Verriegelungsmöglichkeit und Steighilfe. Dazu kommt noch eine ausreichend breite Skibremse. Hersteller wie Hagan, Fritschi oder Dynafit bieten dann noch unterschiedliche Features und Handlingsoptionen an den einzelnen Elementen. Das Grundprinzip einer Bindung ist jedoch bei allen gleich: Im Aufstieg löst man den Hinterbacken vom Bindungskomplex und kann so bergauf die Ferse vom Ski abheben. Die Steighilfe ist meist eine Art Bügel, der eine horizontalere Position der Gehers in einem steilen Gelände erlaubt. Vor der Abfahrt fixiert man die Bindung wieder komplett und nutzt sie voll arretiert als klassische Abfahrtsbindung. Tourenbindungen sind sehr technische Produkte, vor einem Kauf und vor allem vor der erstmaligen Benutzung sollte man also in jedem Fall einen Fachmann im Geschäft zu Rate ziehen.

Skitourenstöcke

Skitourenstöcke sollten leicht, stabil, verstellbar in der Länge, ausgewogen in der Gewichtsverteilung und mit einer gut einstellbaren Handschlaufe versehen sein. Die Stocklänge ist größer, je sportlicher man geht. Im Normalfall kann man auf die Länge der Pistenstöcke etwa 10 Zentimeter draufrechnen, dann passt der Stock für das Tourengehen. Durch die Länge bekommt man im Aufstieg einfach einen besseren Winkel und erreicht somit eine bessere Kraftübertragung. Wenn man verstellbare Stöcke hat (hier ist die Qualität der Verriegelungen natürlich elementar wichtig), fährt man die Stöcke vor der Abfahrt wieder ein paar Zentimeter ein. Weitere wichtige Features von Skitourenstöcken: Ein großer Teller, damit der Stock im tiefen Schnee genug Auftrieb hat, und eine krallenförmige Spitze, damit der Stock auf felsigem Untergrund nicht abrutscht. Auch hier gilt wieder: Eine Beratung im Fachgeschäft verhindert später unangenehme Überraschungen auf Tour

Skitourenschuhe

Grundsätzlich kann man auch mit Pistenskischuhen auf Skitouren gehen – optimal sind die meist schweren und unflexiblen Schuhe aber natürlich bei längeren Gehzeiten nicht. Der Aufbau von Tourenschuhen ist nicht viel anders als beim Pistenschuh, auch Tourenmodelle besitzen Außen- und Innenschuh, werden meist mit drei oder vier Schnallen verschlossen. Die größten Unterschiede: Tourenschuhe sind meist viel leichter als Alpinskimodelle, für Rennsportler werden sie sogar aus Carbon gefertigt und wiegen unter einem Kilogramm pro Schuh. Zudem sind sie oft einfach zu bedienen und von hart auf weich zu verstellen, somit variabel für Aufstieg und Abfahrt nutzbar. Vorsicht: Manche Skitourenschuhe sind nur mit Bindungen der gleichen Marke verwendbar. 

Skitourenfelle

Eines der wichtigsten Ausrüstungsgegenstände beim Skitourengehen sind die Felle. Diese werden beim Aufstieg unter den Ski geklebt bzw. befestigt und am Ski eingehakt. Die Felle haben im Normalfall eine klebende Seite und eine, meist aus Mohair (dem Fell der Angoraziege) oder Synthetik bestehende Seite für den Schneekontakt. Die Crux mit den Skitourenfellen: Zum einen müssen sie gut gleiten, also nicht zu viel Gleitwiderstand haben, damit der Aufstieg nicht zu kräfteraubend ist. Sie dürfen aber natürlich auch nicht zu wenig „Grip“ haben, sonst rutscht man selbst mit Fellen unter den Ski beim Aufstieg nach hinten. Das nervigste Problem  für Skitourer: das Anstollen. Nimmt man die Felle wieder vom Ski, bleiben oft Rückstände des Klebers am Ski, der Schnee bleibt daran hängen und verliert damit jegliche Gleiteigenschaften. Mittlerweile gibt es aber auch Felle, die ohne Kleber auskommen und auf Adhäsionsbasis am Ski haften. Auch beim Gehen mit Fellen kann es zum Anstollen kommen. Um das Anstollen zu verhindern, hat jeder Skitourengeher seine eigenen kleinen Tricks: Imprägnieren der Felle, Fellpflegespray, Ski wachsen, Felle trocken halten…

Harscheisen

Harscheisen werden unter der Bindung befestigt, um bei extrem schwierigen Bedingungen mit Harsch oder sehr hartem, eisigem Untergrund ein Abrutschen zu verhindern. Sie bestehen aus Aluminum oder Stahl und sind mit mehreren spitzen Zacken versehen. Harscheisen gehören auf jeden Fall in den Tourenrucksack, auch wenn sie eher selten verwendet werden. Man sollte sie frühzeitig anlegen, bevor man ins steile Gelände kommt, um gefährliche Situationen zu vermeiden.

Helm

Helme haben sich bei Alpinskifahrern durchgesetzt und auch beim Skitourengehen sollte man nicht ohne losgehen – das empfehlen auch Sicherheitsexperten des DSV. Er schützt bei Stürzen im Gelände, bei denen man schnell Gefahr läuft, mit Fels oder hartem Untergrund in Kontakt zu geraten. Helme vermeiden dabei Kopfverletzungen. Für Skitourengeher gibt es spezielle, sehr leichte Modelle mit guter Luftzirkulation.

Bekleidung

Die richtige Bekleidung auf Skitour auszuwählen, ist keine leichte Sache.Das weiß auch Skibergsteigen Bundestrainer Johann Rampl: "Bei großer Kälte oder nassen, kühlen Bedingungen muss der Körper mehr Energie aufwenden, um die Körperkerntemperatur aufrecht zu erhalten. Hier leiden dann vor allem die Füße und Hände, da sie nicht mehr genügend durchblutet werden. Man sollte sich dennoch nicht allzu warm anziehen, denn man produziert in Bewegung natürlich auch bei kalten Bedingungen zusätzliche Wärme, die abgeleitet werden muss. Auch die Kühlung des Körpers verbraucht Energie! Man fängt dann an, übermäßig zu schwitzen und das ist dann bei Kälte trotz isolierender Bekleidung kalt. Deshalb: Lieber die ersten zehn Minuten etwas frieren, bis der Körper auf Betriebstemperatur ist und für die Abfahrt Wechselkleidung und isolierende Schichten mitnehmen. Generell gilt: Auch wenn man nur eine kleine Tour geht oder die Hausrunde dreht, sollte man für den Notfall ausreichend Kleidung dabei haben. Wenn man stürzt und im Schnee liegen bleibt, sind meistens nicht die Verletzungen kritisch, sondern die Unterkühlung!" Fazit: Im Aufstieg ist man meist stark angestrengt, schwitzt, verliert viel Flüssigkeit und benötigt somit möglichst dünne, atmungsaktive, aber auch wind- und wasserdichte Bekleidung. Für die Abfahrt, wenn man sich - vielleicht noch durchgeschwitzt - dem kalten Fahrtwind aussetzt, braucht man dann in jedem Fall noch eine wärmende Schicht. Optimal: das Zwiebelprinzip mit hochwertiger, schnell trocknender und funktioneller Unterwäsche, ggf. einer Fleece-Jacke darüber, einer funktionellen Hose/Jacke sowie einer wärmenden Überjacke im Rucksack für die Abfahrt. Ist es richtig kalt, muss die Kleidung natürlich an die Gegebenheiten angepasst werden. Weitere Bekleidungsstücke: Handschuhe (Ersatzpaar im Rucksack!), Mütze, Funktionssocken, Sonnenbrille/Gletscherbrille, Gamaschen.

Essen und Trinken

Zur Pflichtausrüstung zählt, auch bei einer kurzen Feierabendtour, ausreichend Essen & Trinken. Mindestens ein Liter Flüssigkeit und einige Energieriegel sollte man dabei haben, um bei einem plötzlichen Notfall nicht völlig ohne Reserve dazustehen. "Beim Thema Trinken ist zu beachten, dass man besonders auch bei kalter Witterung auf ausreichende Versorgung achten sollte. Durch die kalte, trockene Luft muss mehr Wasser zur Befeuchtung der Atemluft verwendet werden, das dann ausgeatmet wird. Man verliert also auch Wasser, wenn man nicht, oder wenig schwitzt! Am Besten trinkt man in regelmäßigen Abständen kleinere Mengen, noch bevor das Durstgefühl kommt. Dann ist es nämlich schon zu spät und man muss mit Leistungseinbußen rechen", rät Experte Johann Rampl.

Skitourenrucksack

Je nach Charakter und Länge der Tour benötigt man für eine Tagesskitour einen 20-40 Liter großen Rucksack. Er sollte widerstandsfähig, wetterfest, leicht zugänglich, auch mit Handschuhen bedienbar und ausreichend flexibel sein, um sich beim Gehen an die Bewegungen des Trägers anzupassen. Zudem ist ein breiter, unterstützender Hüftgurt ebenso von Vorteil wie eine Rückenplatte/Rückengestell, die den Rucksack etwas vom Rücken abhebt und für eine gute Durchlüftung sorgt. Skitourenrucksäcke sollten neben Features wie einem Trinkschlauch-Fach, Materialschlaufen in jedem Fall auch die Möglichkeit bieten, die Ski leicht und schnell am Rucksack befestigen zu können. Zudem sollte ein leichter Zugang zur Lawinen- bzw. Notfallausrüstung möglich sein.

Sicherheitsausrüstung

Das Thema Sicherheit spielt bei Skitouren eine elementar wichtige Rolle. Zur Sicherheitsausrüstung werden wir in der kommenden Folge unseres Specials „Skitourengehen“ noch viel sagen. Daher sollen an dieser Stelle die wichtigsten Materialien nur kurz genannt werden: Lawinen-Verschütteten-Suchgerät (LVS), Lawinenschaufel, Lawinensonde, Safety- Set (zum Beispiel Snowcard), Erste-Hilfe-Set und Biwaksack.

Hier geht es weiter im Skitourenspecial: "Sicherheit beim Skitourengehen – die wichtigsten Tipps zur Lawinenvermeidung "